DIE FÜNF SÄULEN DER TCM

Die fünf Säulen der TCM entsprachen ursprünglich fünf verschiedenen Berufen. Für einen einzelnen Therapeuten ist es kaum möglich, jede dieser komplexen Praktiken gleich gut zu beherrschen. Deshalb wird oft eine Kombination wie Akupunktur/Arzneimittel (Heilkräuter) oder Akupunktur/Tuina angeboten.

Im Körper existiert ein Wegsystem, in dem sowohl Energie als auch Körperflüssigkeiten wie Blut und Lymphe fliessen und die Nervenbahnen verlaufen. Eine Blockade in diesem Wegsystem über längere Zeit kann den Körper aus der Balance bringen. Das macht sich im physischen, kognitiven, emotionalen oder spirituellen Bereich als Störung bemerkbar.

Nach sorgfältiger und eingehender Diagnose werden mit Akupunktur Blockaden gelöst, krankhafte Energie ausgeleitet, Körperfunktionen angeregt und der gesunde Qi-Fluss gekräftigt. Dazu werden Akupunkturnadeln an ganz bestimmten Punkten der Körperoberfläche gesetzt. Die Nadeln sind sehr fein und in der Regel nicht schmerzhaft.

In der Schmerztherapie sind meine bevorzugten Techniken Master Tung’s Acupuncture und die Balance-Method von Dr. Richard Teh-Fu Tan aus Taiwan, heute als Si Yuan Balance Method bekannt. Master Tung wurde ohne akademische Bildung in Familientradition ausgebildet und wanderte 1949 nach Taiwan aus. Sowohl Master Tung’s Akupunktur-Stil wie auch Dr. Tan’s Balance-Method liegen daoistisches Gedankengut zugrunde. Während der Behandlung werden die KundInnen aufgefordert, ab und zu vom Stuhl aufzustehen und umherzugehen. So kommt die stagnierte Energie leichter in Bewegung. Wenn der Schmerz wandert, werden die Nadeln entsprechend versetzt, bis der Schmerz nicht mehr zu spüren oder nur noch wenig davon übrig ist. Diese Behandlungen werden je nach Intensität des Schmerzes zeitlich nah aufeinander folgen, im Akutfall täglich. Das Ziel ist, eine abflachende Schmerzkurve zu erreichen, das heisst, dass der Schmerz nach jeder Nadelung nicht mehr seine vorherige Stärke erreichen sollte.

Auch bei organischen oder funktionellen Störungen verwende ich neben der klassischen Methoden und der Ohrakupunktur gerne die Balance Method nach Dr. Tan. Die Akupunkturbehandlungen finden in der Regel im Liegen statt. Die körperliche und geistige Entspannung während der Ruhephase von rund 40 Minuten ermöglicht eine optimale Wirkung der Nadeln.

Tui Na ist die chinesische manuelle Therapie und eine der ältesten Therapieformen der chinesischen Medizin. Durch verschiedene Massagetechniken und Manipulationen wird der Energiefluss in Meridianen und Netzgefässen wiederhergestellt. Dadurch lösen sich Verspannungen und Blockaden im Körper, Schmerzen werden gelindert und organische Störungen günstig beeinflusst.

Vor der Tui Na-Behandlung werden in China Beckenschiefstand und Fehlstellungen von Wirbeln oder Gelenken korrigiert. Im Gegensatz zur Praktik in China ist es in Europa nur den Chiropraktikern erlaubt, solche Manipulationen am Skelett vorzunehmen. Ich empfehle meinen Kundinnen und Klienten jeweils, einen Osteopathen aufzusuchen, wenn der Verdacht auf ein blockiertes Gelenk besteht.

Besonders wirksam ist die Tui Na bei muskulären Verspannungen, Verklebungen des Bindegewebes und  Gelenkbeschwerden, die durch zu wenig Dehnung und Bewegung entstanden sind. Hier wird die Tui Na dynamisch und kräftig ausgeführt, oft bis nahe an die Schmerzgrenze. Bei Schmerzen aufgrund von Überbeanspruchung, bei postoperativen Beschwerden oder Auswirkungen eines Unfalls wird weniger kräftig massiert. Der Kient muss während der Behandlung entspannt bleiben können. Schmerzen aufgrund von zum Beispiel besonders starken, grossflächigen Blutergüssen nach einem Unfall können mit täglicher, sehr sanfter Behandlung gelindert werden. Dabei wird oberhalb oder unterhalb des Hämatoms der Energiefluss angeregt, damit sich der Bluterguss schneller zurückbilden kann.

Die Tui Na hat nebst der anregenden auch eine ausgleichende und beruhigende Wirkung. Dann wird sie mit ruhigen Bewegungen ausgeführt. Sie ist geeignet zur Behandlung von Babies und Kleinkindern. Aber auch bei Erwachsenen wird sie wegen dieses beruhigenden Effekts geschätzt. Sie hilft bei vegetativen Störungen des Nervensystems und kann Linderung bringen bei Unruhe, Migräne, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen und anderem mehr.

Die Tui Na wird in der Regel mit Akupunktur kombiniert. Sie kann aber auch gut  als Alternative zur Akupunktur eingesetzt werden, wenn ein Patient Angst vor Nadeln hat oder wenn es um die Behandlung von Kindern geht. Eine solide Tui Na-Ausbildung ist allerdings Voraussetzung. Leider wird sie eher selten als Alternative zu Nadeln angeboten, weil sie für die Therapeuten bei der Behandlung von Erwachsenen eine gute körperliche Konstitution verlangt.

Während einer Tui Na-Behandlung werden gerne zusätzlich auch Techniken wie Schröpfen und Moxa angewendet. Die Heilung kann zudem mit Energie und Blut bewegenden, entzündungshemmenden und schmerzlindernden Pflastern, Salben, Ölen und Sprays unterstützt werden.

Chinesische Arzneimittel beinhalten pflanzliche, mineralische und seltener auch tierische Stoffe. Wie irrtümlich oft angenommen wird, handelt es sich nicht nur um chinesische Pflanzen. Viele Pflanzen sind auch bei uns heimisch oder wurden sogar vor langer Zeit nach China exportiert und dort kultiviert.

Chinesische Arzneimittel sind chinesisch, weil die Pflanzen nach chinesischen Kriterien klassifiziert sind. So ist jede Pflanze einem bestimmten Geschmack zugeordnet. Sie ist süss, sauer, bitter, salzig oder neutral. Zum Beispiel ist Zimt süss und nährend, hingegen Essig sauer und deshalb adstringierend (zusammenziehend). Jede Pflanze hat auch eine bestimmte Thermik zu eigen. Der Löwenzahn ist Hitze kühlend und antitoxisch, während Ingwer warm ist im III. Grad und zusammen mit seiner Schärfe stark Energie bewegende Eigenschaften hat.

In China werden den Pflanzenbestandteilen mittels spezieller Verfahren, wie beispielsweise dem Einlegen der Pflanzen in Essig, dem Backen in Honig oder Rösten in der Pfanne, eine zusätzliche Wirkung gegeben. Damit wird erreicht, dass die Heilkraft der Pflanzen gewollt auf bestimmte Meridiane und Organe wirkt, dass die Pflanzen besser verdaubar sind und toxische Nebenwirkungen, wie auch unerwünschte Interaktionen mit anderen Pflanzen aus der Rezeptur, gelindert oder vermieden werden können.

Für die Zusammenstellung einer individuell abgestimmten Rezeptur muss vorgängig eine exakte Diagnose gestellt werden. Zwei Patienten, deren Krankheitsbilder nach Kriterien der westlichen Medizin identisch sind, können nach Auffassung der Chinesischen Medizin vollkommen unterschiedliche Krankheitsursachen aufweisen, die zwei ganz verschiedene Behandlungspläne, bzw. Rezepturzusammenstellungen erforderlich machen.

Die chinesische Arzneimitteltherapie gilt als eines der wichtigsten Verfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin. Im Gegensatz zur Tui Na (äussere Medizin) werden mit den Heilkräutern Probleme der inneren Medizin behandelt.

Arzneimittelrezepturen werden zusammengestellt für Patienten mit akuten, wie auch mit chronischen Erkrankungen. Dabei sind die Kräuter zur Linderung von akuten Geschehen in der Regel stärker und heftiger in der Wirkung. Da sie aber nur ein oder zwei Tage in kleiner Dosierung zur Ausleitung pathogener Energie eingenommen und sie sorgfältig mit Kräutern kombiniert werden, die die Toxizität neutralisieren, kann ein kräftiger Organismus gut damit umgehen. Je schwächer oder älter ein Patient jedoch ist, desto sanfter wirkende Heilpflanzen werden gewählt, um den Körper zu nähren, mangelnde Energie aufzubauen und damit die Selbstheilungskräfte anzuregen.

Chinesische Kräuter- oder Arzneimittelrezepturen zur inneren Anwendung werden wegen der langwierigen Zubereitung heutzutage kaum mehr als Rohkräuter abgegeben. Vielmehr werden Tabletten verschrieben oder ein Granulat, welches in heissem Wasser aufgelöst wird (Einnahme in der Regel zwei bis drei Mal täglich, jeweils ca. eine Stunde vor oder zwei Stunden nach dem Essen).

Auch die europäischen Heilpflanzen sind in der jüngeren Zeit nach den Kriterien der chinesischen Medizin klassifiziert worden und werden seit einigen Jahr im Zusammenhang mit der Traditionellen Chinesischen gelehrt. Ich gebe gerne Empfehlungen für unsere heimischen Heilpflanzen ab. Sie werden als Tee aus getrockneten Pflanzenteilen zubereitet, der über den Tag verteilt getrunken wird. Die empfohlene Menge ist ein Liter pro Tag. Diese Kräuter sind auch viel günstiger als die importierten Kräuter, welche strengsten Kontrollen unterliegen und allein schon dadurch teuer sind.

Chinesische Heilkräuter werden auch als Sprays, Salben, Pflaster oder Öle zur äusseren Anwendung verschrieben. Die meist verbreiteten und auch bei uns geläufigen Produkte sind Tigerbalsam, Shaolin-Spray, Easy-Flex oder Massageöle, die mit ätherischen Essenzen angereichert sind.

Die Ernährungslehre geht davon aus, dass jedes Nahrungsmittel mit seinen bestimmten Eigenschaften eine spezifische Wirkung auf den Körper hat. Aus diesem Grund ist eine ausgewogene Ernährung zur Gesunderhaltung unerlässlich. Ein Übermass an Verzehr von „schlechten“ Nahrungsmitteln kann dem Körper langfristig schaden. Chronische Krankheiten entstehen durch einen Mangel an Qi und Blut. Deshalb sind Ernährung und Schlaf so wichtig. Mit der gesunden Ernährung wird Energie gewonnen und im Schlaf kann sich der Körper regenerieren.

Im Verlauf der Menschheitsgeschichte kristallisierte sich die Erfahrung heraus, dass essbare Dinge sowohl den Hunger stillen, gut schmecken, zuträglich sind und dass sie aber auch heilend wirken. In China wurden alle pflanzlichen, tierischen und mineralischen Nahrungsstoffe klassifiziert in Geschmacksrichtungen, Thermik und „Leitbahneintritt“ und die täglich verwendeten Lebensmittel können bewusst zur Gesunderhaltung und zur Heilung eingesetzt werden. Mittels Ernährung und Tees werden Körpergifte ausgeleitet, Mangelzustände behoben und die Körperfunktionen gestärkt. In früheren Zeiten, und auch heutzutage noch in verschiedenen Regionen Chinas, können Marktfrauen ihre Kundschaft gesundheitlich einschätzen und beim Kauf der Lebensmittel individuell beraten.

Besonders wichtig – hiess es lange – ist die gesunde Ernährung zur Vorbeugung von Krankheiten bei Personen im mittleren oder höheren Alter, bei Frauen während der Schwangerschaft und Stillzeit, bei Kleinkindern bis zum 6. Altersjahr sowie bei Menschen mit chronischen Krankheiten. Heute kann ich eine gesunde, ausgewogene Ernährung hinsichtlich der vielen Zivilisationskrankheiten und der steigenden Lebenserwartung auch jungen Menschen nur sehr ans Herz legen.

Der Übergang von Chinesischer Arzneimitteltherapie zu Diätetik ist fliessend. Es werden kaum Arzneimittel (Kräuterrezepturen) verschrieben, ohne nicht auch die gesunde und den Umständen angepasste Ernährung mit einzubeziehen. Nach einer chinesischen Redensart stehen Arzneimitteltherapie und Diätetik in einem Beziehungsverhältnis von 30:70. Das heisst, dass der Mensch mittels Ernährung zu 70% selbst die Verantwortung für seine Gesundheit trägt.

Qi Gong ist die fünfte Säule der Traditionellen Chinesischen Medizin. Es handelt sich dabei um eine chinesische Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsform zur Kultivierung von Körper und Geist. In der Praxis geht es vorallem darum, Qi aufzubauen und zu leiten.

Ursprünglich unterscheidet man zwischen fünf oder sogar mehr Stilrichtungen des Qi Gong. Die fünf alten Schulen gehen in die medizinische, die buddhistische, die konfuzianische, die taoistische und die kämpferische Richtung.

Die medizinische Richtung des Qi Gong befasst sich hauptsächlich mit Konzentrations-, Körper- und Atemübungen, der Arbeit mit der Stimme und der Beeinflussung des Energieflusses im Innern durch bestimmte Körper-, Hand- und Fingerhaltungen, während die buddhistischen, konfuzianischen und taoistischen Schulen ihr Hauptgewicht auf Meditation legen. Die kämpferische Richtung des Qi Gong ist bei uns besser bekannt unter der Bezeichnung Kung Fu.

Präventiv, zur Stabilisierung der Gesundheit, wird es in China von einem grossen Teil der Bevölkerung täglich in den frühen Morgenstunden im Park praktiziert. Ich selbst kann Qi Gong, Yoga, Tai Qi oder ähnliche Praktiken zur Gesundherhaltung und zur Unterstützung des Heilungsprozesses sehr empfehlen.