DIAGNOSEVERFAHREN

Diagnose in der Chinesischen Medizin

Der menschliche Organismus wird in der Chinesischen Medizin als ein System gesehen. Alle Organe sind miteinander verbunden, keines arbeitet für sich allein. Deshalb wird in der Diagnostik kein Organ isoliert betrachtet.

Der Körper verfügt über ein begrenztes Repertoire an Symptomen und Zeichen, mit denen er Veränderungen der natürlichen Funktionen signalisiert. Was wir als Krankheit bezeichnen, sind im Grunde genommen wahrnehmbare Bemühungen des Körpers, sich selbst zu heilen.

Weil die Chinesische Medizin von einem Bild des gesunden Menschen ausgeht, ist es ihr möglich, diese Abweichungen und ersten Symptome schon frühzeitig zu diagnostizieren. Die Aufgabe des TCM-Therapeuten ist es, in der vielfältigen funktionellen Verflochtenheit der Organe die ursächliche Störung zu finden und den Körper in seinem Heilungsprozess zu unterstützen.

Dazu braucht es eine eingehende und sorgfältige Diagnose:

  • die Befragung des Patienten über sein körperliches und emotionales Befinden, seine Lebensumstände, Ess- und Schlafgewohnheiten
  • das Analysieren des Pulses
  • die Befundaufnahme der Zunge
  • die Beobachtung von Gesichtsausdruck, Stimme und Körperhaltung
  • das Abtasten des Körpers nach Verspannungen und Temperaturunterschieden

 

Diagnose in der Schulmedizin

Die Schulmedizin hat einen anderen Ansatz. Sie geht von der Anantomie aus und bezieht sich auf wiederholte Symptom-Beobachtungen. Sie kann Krankheitserreger wie schädigende Bakterien, Viren und Pilze feststellen und durch Labortests und andere technologisch hochentwickelte Untersuchungsmöglichkeiten die Funktionstüchtigkeit der einzelnen Organe überprüfen oder Gewebeschäden erkennen. Ein wesentlicher Unterschied zur TCM ist, dass die westliche Medizin davon ausgeht, dass der Körper überfodert ist und sich nicht seber regenerieren kann. Deshalb werden die Symptome behandelt. Bei gefährlichen akuten Krankheiten und schweren Infektionen ist dieses Vorgehen gegenüber der TCM vorteilhaft. Die Schulmedizin kann so Leben retten und bleibende Schäden verhindern. Auch bei schweren chronischen Krankheiten kann sie viel Leid lindern und letztendlich ist sie in der Chirurgie nicht mehr wegzudenken.

Die Diagnose in der Chinesischen berücksichtigt den Menschen auf allen Energieebenen des Seins, also Körper, Geist und Seele. Auch äussere Umstände wie Umgebung, Jahreszeit, berufliche oder soziale Einflüsse haben Auswirkungen auf die Gesundheit und werden in der Diagnose mit berücksichtigt. Für jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit wird ein individueller Therapieplan zusammengestellt.

Bei einer akuten Erkrankung werden in der Chinesischen Medizin vorerst die Symptome behandelt. Die Grundkonstitution und die Lebensumstände werden aber immer mit behandelt. Deshalb wird viel Zeit für die Diagnose verwendet.

Nach Abklingen der akuten Symptome werden die der Krankheit zugrundeliegenden Muster weiter behandelt, wenn das gesundheitliche Problem nicht einmalig war, sondern in der Vorgeschichte bereits wiederholt aufgetreten ist. Das dient der Stabilisierung und Stärkung des Organismus. Diese weiteren Behandlungen können sich unter Umständen über einige Wochen oder sogar Monate hin ziehen. Das erfordert vom Patienten ein gewisses Mass an Verständnis für die Abläufe im Körper und auch Geduld („patient“ engl. = Geduld).

Eine optimale Behandlung für den Einzelnen kann Therapieformen aus verschiedenen Kulturen und Richtungen beinhalten. Es können zum Beispiel parallel auch homöopathische Mittel eingenommen werden. Sie wirken auf einer anderen Energieebene und stören daher nicht. Vielleicht ist auch eine schulmedizinische Behandlung sinnvoll oder sogar unumgänglich. Auch diese kann aber sehr gut durch traditionelle Therapieformen ergänzt werden.

Die Antlitzdiagnose wurde bereits in der Antike praktiziert.

Der Schädel mit seiner Knochenstruktur, das Gesicht mit Beschaffenheit und Farbe von Gewebe, Haut und Haar sowie der Ausdruck der Augen geben Hinweise auf Stärken und mögliche Schwächen von Charakter und Konstitution eines Menschen sowie über allfällige Schwächen und Fehlfunktionen im Organsystem. Beobachtet werden bei der Diagnose auch der Tonfall und die Kraft der Stimme, die Körperhaltung und die Art und Weise, wie sich der Patient bewegt.

Für die Antlitzdiagnose wird das Gesicht in verschiedene Areale aufgeteilt. So wie bei der Fussreflexzonenarbeit oder bei Hand-, Schädel- und Ohrakupunktur spiegeln sich darin der menschliche Körper und seine Organe wider.

Wie immer bei der Diagnosestellung darf nicht nur aufgrund der Gesichtsdiagnose geurteilt werden. Immer muss ein Verdacht auf eine Disbalance im Energiesystem oder auf eine Krankheit durch mindestens zwei andere Diagnosemethoden aus der TCM bestätigt werden.

Die Pulsdiagnose der Chinesischen Medizin unterscheidet sich sehr von der Pulsdiagnostik der westlichen Medizin.

In der Chinesischen Medizin kennt man in der täglichen Praxis 28 Pulsqualitäten, die an je drei Stellen der Handgelenke und in drei Tiefen getastet werden. Erfasst werden Frequenz, Volumen, Rhythmus und Form der Pulses, bzw. des Pulsschlages. Diese sind physiologisch abhängig von Statur, Geschlecht, Jahreszeit, Lebensraum und sogar von der Tageszeit.

Um sich zurechtfinden und diese feinen Pulsunterschiede differenzieren zu können, braucht es ein systematisches Vorgehen bei der Überprüfung der Pulsqualität und sehr viel Übung.

Die Chinesische Medizin geht auch bei der Pulsdiagnostik vom Bild eines gesunden Pulses aus, das die Qualitäten „Magen-Qi“, „Shen“ (Geist) und „Wurzel“ besitzt.

Die Zunge ist ein Organ mit vielen Aufgaben. Wir brauchen sie unter anderem zum Sprechen, zum Singen und zum Essen. Dabei tastet sie die Nahrungsmittel ab nach Unessbarem wie Splitter von Nussschalen, Steinchen und anderen möglicherweise verletzenden Teilchen. Die Zunge ist über vier Nerven sowohl mit den Organen als auch mit dem Gehirn verbunden. Diese sind verantwortlich für die Empfindung von Schmerz, von Hitze und Kälte und für das Erkennen der Geschmacksrichtungen süss, sauer, bitter, neutral und salzig.

In der Chinesischen Medizin ist die Zunge aber auch Spiegel des Körpers und damit von grosser Bedeutung für die Diagnose. Eine gesunde Zunge ist rosa, etwas feucht glänzend und mit einem dünnen weisslichen Belag überzogen. Sie sollte eine gewisse Spannkraft und Beweglichkeit aufweisen und weder zu gross noch zu flach sein. Und nicht zuletzt sollten Form und Farbe der Unterzungenvenen unauffällig sein.

Jede Abweichung von diesem Bild der gesunden Zunge deutet auf eine Störung im Organismus hin. Je nachdem, auf welchem Zungenareal zum Beispiel eine Rötung sichtbar, der Zungenbelag verfärbt, zu dick oder im Gegenteil gar nicht vorhanden ist, rote Papillen erscheinen oder Risse und Dellen im Zungenkörper zu finden sind, kann auf eine Störung in einem bestimmten Organsystem geschlossen werden. Eine Diagnose kann aber nie nur aufgrund der Beschaffenheit der Zunge gestellt werden. Ein Verdacht aufgrund der Zungendiagnose muss für eine schlüssige Diagnose immer durch mindestens zwei weitere Diagnoseverfahren – wie das Befragen und die Pulsdiagnose – bestätigt werden.

Patienteninformationen zur Zungendiagnose

Wenn Sie sich mit Chinesischer Medizin behandeln lassen wollen, ist das Abschaben oder Bürsten der Zunge nicht zu empfehlen, weil die Zungendiagnose durch das Fehlen des Belages verfälscht würde. Die aus der Ayurvedischen Medizin stammende Sitte des Schabens ist überhaupt fragwürdig, weil die Papillen durch das intensive Bearbeiten der Zunge verletzt und dadurch die Funktion des Schmeckens beeinträchtigt werden kann.

Organische Störungen können durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden.

Nebst Ernährungsfehlern, körperlicher oder auch seelischer Überforderung, ungesunder Umgebung u. a. m. können auch anatomische Fehlstellungen oder Verspannungen und Trauma den freien Fluss der Energie beeinträchtigen.

Typische Beispiele sind Übelkeit, Blasen- und andere organische Leiden nach einem Schleudertrauma, die durch Irritation des Vagus-Nerves entstehen. Nackenverspannungen können Schmerzen in den Ellbogen hervorrufen, die irrtümlich gerne als „Tennisellbogen“ angesehen und manchmal voreilig und erfolglos operiert werden. Blockierte Rippen im Brustwirbelbereich behindern möglicherweise die Atmung und führen zu  Schmerzen im Rücken- und Brustbereich und Fehlstellungen im Lendenwirbelbereich können Symptome in den Beinen hervorrufen.

Deshalb gehört zu einer sorgfältigen und vollständigen Diagnose auch das Kontrollieren der Statik (Beckenschiefstand, Wirbelsäule), das Abklopfen des Bauchraums und das Untersuchen von Spannungen, Knoten, Temperaturunterschieden und Schmerzempfindlichkeiten in Gewebe-, Muskel- und Bänderstrukturen am ganzen Körper.

Bei der Diagnose werden in der Chinesischen Medizin den Toren besondere Beachtung geschenkt. Die Tore sind die Diaphragmen, die den Körper in verschiedene Abschnitte unterteilen. Nebst dem Zwerchfell, das zwischen Brust- und Bauchraum liegt, bilden Gewebe-, Muskel- und Bänderstrukturen weitere Diaphragmen. Die wichtigsten und für Diagnose und Therapie relevanten Tore sind das Kiefergelenk und die Schädelbasis, der Schultergürtel, das Zwerchfell, die Hüfte und die Fussgelenke. Wenn nur eins dieser Diaphragmen angespannt ist, kann das den freien Fluss von Energie und Körperflüssigkeiten behindern und das ganze Meridiansystem in Mitleidenschaft ziehen.

In einer Beschreibung aus dem alten China heisst es: „Bei der Geburt kommt der Phoenix von der Sonne in den Körper geflogen und zirkuliert während der Lebensdauer durch die zwölf Meridiane. Sind die Tore offen, kann der Phoenix ungehindert fliegen. Wenn man stirbt, verlässt der Phönix den Körper und kehrt zur Sonne zurück.“

Die Chinesische Sprache und ihre Schriftzeichen, die eigentlich Bilder sind, geben sehr viel Information. Wir bräuchten lange Sätze, um zu beschreiben, was in einem einzigen chinesischen Schriftzeichen ausgedrückt wird.

So bedeutet Tui Na /An Mo übersetzt ins Deutsche „Schieben“ (Tui) und „Greifen“ (Na), „Drücken“ (An) und „Reiben“ (Mo).  In der deutschen Sprache geben diese Ausdrücke grob Aufschluss darüber, was man sich unter dem Massagegriff in etwa vorstellen kann. Das Bild der Chinesischen Schriftzeichen hingegen gibt auch viel Information über die Qualität, wie die Massagetechniken verstanden, ausgeführt und empfunden werden sollen: So ist Tui (Schieben) das Zeichen oder Bild eines Paradiesvogels, der seine Federn glatt streicht oder An (drücken) das Bild vom Elternhaus, in dem man sich sicher, ruhig und geborgen fühlt.